MEINE LESERBRIEFE

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AKTUELL
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Papst stellt sich gegen Papst

Ausgerechnet Benedikt XVI/Josef Ratzinger und ein afrikanischer Bischof machen sich stark für den Zölibat.
Man erinnert sich; Josef Ratzinger hatte noch als Präfekt der Glaubenskommission jahrlang hunderte, wenn nicht tausende von Missbrauchsdossier verschleppt, um dem Ansehen der Kirche nicht zu schaden. Und als emeritierter Papst wandelt er immer noch weissgewandet im Vatikan umher, eine unmögliche Situation. Ein zurückgetretener Papst ist eben nicht mehr Papst, er wird wieder Mitglied des Bischofskollegiums. Also soll er schwarzgewandet in seine Heimat zurückkehren. Und was den afrikanischen Kurienkardinal anbelangt. Der ehemalige Jesuit Lukas Niederberger schrieb 2008 in einem Interview: In Afrika sitzen etliche Bischöfe mit ihrer Familie zu Tisch. Die Zölibatsfrage ist dort offenbar, mit Wissen und im Einvernehmen des Vatikans, gelöst. Warum denn also noch gegenwärtig der hektische Tanz um das goldene Kalb? Gewiss ist der Zölibat nicht die einzige Ursache der Missbräuche, aber er ist es eben auch, und nicht in geringem Masse. Der Zölibat ist ein naturwidriges Gebot, ja, ich möchte soweit gehen zu sagen, er ist ein Verbrechen gegen die menschliche Natur. Er kann nicht eingehalten werden, er wurde in der Vergangenheit auch grossmehrheitlich nicht eingehalten und wird auch heue nicht eingehalten. Das weiss der  Vatikan, das weiss jeder Bischof. Er wurde übrigens im 11. Jh. aus nicht theologischen Gründen eingeführt.

 

Arnold Eichmann, Münchenbuchsee

Der Bund 13.1.2020

 

 

Papst gegen Papst

Ex-Papst Benedikt warnt seinen Nachfolger Franziskus vor einer Aufweichung des Zölibats. Und macht ihn plötzlich fehlbar.

Der Vorgang ist so einmalig wie unerhört: «Ich kann nicht still bleiben», schreibt der emeritierte Papst Benedikt und warnt Franziskus eindringlich davor, die priesterliche Ehelosigkeit aufzuweichen.

Dies just zum Zeitpunkt, an dem gerade dies von Franziskus erwartet wird: In den nächsten Wochen soll er in seinem nachsynodalen Schreiben die Zölibatspflicht in Ausnahmefällen lockern. Im letzten Oktober hatten sich die Bischöfe der Amazonas-Synode mehrheitlich dafür ausgesprochen, in den entlegenen Gebieten des Amazonas verheiratete Diakone zu Priester zu weihen. Ein Schritt, um dem akuten Priestermangel zu wehren.

Vatikanisten sind sehr erstaunt

Offensichtlich will nun der Ex-Papst einem Entscheid seines Nachfolgers zuvorkommen. In einem zusammen mit dem afrikanischen Kardinal Robert Sarah am Montag veröffentlichten Buch warnt er, die katholische Kirche dürfe sich nicht von «schlechten Einlassungen, Theatralik, diabolischen Lügen und im Trend liegenden Irrtümern einschüchtern lassen», die den priesterlichen Zölibat entwerten wollten. Priester und Bischöfe würden durch die ständige Infragestellung des Zölibats verwirrt. Die beiden führen auch die klassische Begründung für den Zölibat an: Die Ehe erfordere, dass sich ein Mann völlig seiner Familie hingebe. «Da wiederum der Dienst für den Herrn die völlige Hingabe eines Mannes einfordert», sei es nicht möglich, diese zwei Berufungen gleichzeitig zu leben.

Die französische Zeitung «Le Figaro» hat am Sonntag aus dem Buch «Des profondeurs de nos coeurs («Aus der Tiefe unserer Herzen») vorab Auszüge veröffentlicht. Vatikanisten sind über das Vorgehen Benedikts gelinde gesagt erstaunt. Hatte er doch bei seinem Rücktritt im Jahr 2013 gelobt, fortan sein Leben schweigend und betend in Zurückgezogenheit zu verbringen und sich dem neuen Papst in Gehorsam unterzuordnen.

Seither hat er seine Selbstverpflichtung wiederholt gebrochen und sich als Schattenpapst profiliert. In Interviews hat er etwa sein Pontifikat gerechtfertigt. Im Sommer 2018 brüskierte er die Juden, als er sie in einem Aufsatz mit alten Stereotypen herabsetzte. Im letzten Frühjahr sorgte er für Empörung, indem er den massenhaften sexuellen Missbrauch von Klerikern durch die Gottlosigkeit und Permissivität der 68er-Revolution erklärte.

Experten vermuten, dass der 92-jährige Benedikt von seinem Freund Sarah zum Widerspruch gegen Franziskus gedrängt wurde.

Doch so gezielt wie diesmal hat sich der greise Ex-Papst noch nie gegen ein Vorhaben des regierenden Pontifex gestellt. Damit macht er das Dilemma zweier gleichzeitig lebenden Päpste sichtbar, wie es Drehbuchautor und Schriftsteller Anthony McCarten in seinem unlängst bei Diogenes erschienenen Buch «Die zwei Päpste» drastisch schildert. Zwei lebende Kirchenoberhäupter könnten für die päpstliche Unfehlbarkeit gefährlich werden, wenn der Zurückgetretene nicht, wie versprochen, schweige, sondern Stellung beziehe: «Solange zwei Päpste nebeneinander existieren, müssen sie als ewiger Beweis dafür gelten, dass Päpste fehlbar sind, denn bei jedem Zwist muss ein Papst zwangsläufig immer unrecht haben.» Im Gespräch mit dieser Zeitung wurde McCarten noch deutlicher: «Wo kommen wir hin, wenn zwei Päpste im Namen Gottes Unfehlbarkeit beanspruchen? Ist das nicht ein schizophrener Gott? Spaltet das nicht die Gläubigen? Welchem Papst sollen sie folgen?»

Experten vermuten, dass der 92-jährige Benedikt von seinem Freund Sarah zum Widerspruch gegen Franziskus gedrängt wurde. Der afrikanische Kurienkardinal, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenspendung, gehört zu den Hauptgegnern von Papst Franziskus. Schon im Vorfeld der Amazonas-Synode votierte er klar gegen jede Lockerung des Zölibats und warnte vor falschen Propheten, welche die Synode für westliche Reforminteressen instrumentalisieren wollten.

Benedikt wurde immer konservativer

Benedikt und Franziskus sind in der Regel beide bemüht, ihre Übereinstimmung und ihre «Theologie der Kontinuität» zu bekräftigen. Auch «Le Figaro» versichert, das neue Buch sei ohne Polemik geschrieben. Die beiden Kirchenoberen beteuerten vielmehr ihren Gehorsam gegenüber Franziskus «in einem Geist der Liebe und der Einheit der Kirche». Doch schweigen könnten sie nicht, wie sie ihr Vorpreschen mit Berufung auf Augustin rechtfertigen.

Was die beiden im Buch nicht erwähnen: 1969 hatte Joseph Ratzinger als junger Theologe in einem Vortrag mit dem Titel «Wie wird die Kirche im Jahre 2000 aussehen?» von der Möglichkeit gesprochen, bewährte verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Bekannt ist, dass er später als Bischof, Kardinal und Papst immer konservativer wurde.

Arnold Eichmann

Tages-Anzeiger 13.01.2020 - Michael Meier

RELIGION | KIRCHE
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Offener Brief an die Schweizerischen Bischöfe

Meine Herren Bischöfe

Die Fernsehreportagen „Gottes missbrauchte Dienerinnen„ und der Missbrauch von Gehörlosen in Verona (wobei anscheinend einige noch lebende Übeltäter immer noch in Amt und Würde sein sollen, trotz der wiederholten Null-Toleranz-Versprechen des Papstes) hat nun das Fass zum Überlaufen gebracht. Jahrzehntelang, jahrhundertlang wurden weltweit nicht nur Minderjährige und körperlich Behinderte, sondern Klosterfrauen, Nonnen, von Priestern missbraucht. Die Kirche wusste dies und schwieg. Die Opfer wurden verstossen, die Priester-Täter im Amt belassen, höchsten versetzt. Wenn es zu Schwangerschaften kam, wurden die Nonnen zur Abtreibung gezwungen. Der Vatikan wusste dies. Da ist es ja geradezu grotesk, wenn Papst Franziskus in einer Generalaudienz Abtreibung mit Auftragsmord vergleicht. Das römische System, - es widersteht mir, es noch als Kirche zu bezeichnen – hat jede Glaubwürdigkeit und jede Legitimität verloren. Sie hat mir nichts mehr zu sagen. Aber ich werde aus persönlichen Gründen nicht aus der Institution Kirche austreten. Von der Dogmatik allerdings habe ich mich schon längst verabschiedet. Sie ist ein hellenistisches Konstrukt und ist dem heutigen Menschen nicht mehr vermittelbar. Ich nenne mich auch nicht mehr Christ, ein griechischer Ausdruck, ich nenne mich Jesuaner, Jünger Jesu, wie damals, genau so fehlerhaft wie damals, und ich versuche, die Reich-Gottes-Botschaft Jesu zu leben und weiterzutragen.

 

Ich war bei seiner Wahl ein grosser Fan von Papst Franziskus. Ich hatte grosse Hoffnung auf Reformen gehegt. Nun, nach den oben genannten unqualifizierbaren Äusserungen, nach der schroffen Ablehnung des Frauenpriestertums – es gibt dafür keine exegetische Rechtfertigung, das wissen sie – nach der Weigerung, Missbrauchsopfer zu empfangen, ist meine Geduld am Ende. Das System ist halt auch für Franziskus wichtiger als die Glaubwürdigkeit.

 

Meine Herren Bischöfe. Warum schweigen Sie? Warum tun Sie nicht laut ihre Meinung kund? Warum widersprechen Sie dem Papst nicht in aller Öffentlichkeit? Sie sind nicht Angestellte des Papstes. Wenn man annimmt, wie es die kirchliche Dogmatik lehrt, dass Jesus Apostel gleich Bischöfe ernannt hat, dann kommt deren Amt und Autorität direkt von Gott und nicht von Rom.

 

Die Zeit drängt. Es geht um die Zukunft der Kirche, die in der grössten Krise ihrer Geschichte steht. Nehmen sie nicht mehr aufschiebbare Reformen in eigener Kompetenz in Angriff. Der Zölibat ist zwar nicht alleiniger Anlass von Missbräuchen, aber er ist es eben auch. Der Zölibat ist ein naturwidriges Gebot, ja, ich möchte soweit gehen zu sagen, er ist ein Verbrechen gegen die menschliche Natur. Er kann nicht eingehalten werden, er wurde in der Vergangenheit auch grossmehrheitlich nicht eingehalten und wird auch heue nicht eingehalten. Das wissen sie. Er wurde übrigens im 11. Jh. aus nicht theologischen Gründen eingeführt. Setzen sie der Scheinheiligkeit dieser kirchlichen Praxis ein Ende und weihen sie Viri probati zu Priestern, und belassen sie einen guten Priester, der heiratet, in der Gemeinde, wenn die Gemeinde ihn behalten will. „Tut in Gottes Namen etwas Tapferes“. Sonst stehen in 50 Jahren alle Kirchen zum Verkauf.

 

Mit freundlichen Grüssen

A. Eichmann

Arnold Eichmann, (Jg. 1927) lic. oec. / Theol. TKL

Münchenbuchsee

10. April 2019

Zur Ablehnung des Kantonalen Energiegesetzes

Es war vorauszusehen, dass die Umsetzung der ehrgeizigen Pariser Klimaziele nicht so glatt vonstatten gehen würde. Klimaschutz ja, aber zum Nulltarif, ohne Komforteinbusse. Deswegen gehen die gilets jaunes in Frankreich auf die Strasse, deswegen wohl bodigte der Nationalrat das CO2-Gesetz und deswegen lehnt nun das Berner Volk das kantonale Energiegesetz ab. Die Menschheit steckt in der Wohlstandsfalle. Denn ohne schmerzliche Einbussen ist der Klimaschutz nicht zu haben. Wir haben in der Vergangenheit auf viel zu grossem Fuss gelebt. Die Energieträger hatten keinen Preis. Der Peis, der für Erdöl bezahlt wird, widerspiegelt gerade mal die Förder-, Transport- und Veredelungskosten. Das Wirtschaftswachstum beruht auf Pump. Nun kommt die Quittung. Und je länger wir warten, umso teurer wird es. Denn die Klimaerwärmung wird die Infrastruktur des Planeten Erde immer mehr in Mitleidenschaft ziehen.

Publiziert im „Der Bund“ vom 12. Februar 2019

 
Die Kirche weiss es, tut aber nichts

> eine Anwort auf den Artikel von Michael Meier / Bund 13.11.2018 (hier zu lesen)

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der Papst als absoluter Monarch tun und lassen kann, was er will. Er steht zwar einem Grosskonzern vor, dessen Ziel aber nicht das Erreichen materieller Werte wie z. B. Gewinn ist, sondern es geht um spirituelle Werte, um Glaubensfragen und deren Umsetzung in die Praxis, ins Leben.

Das Besondere der katholischen Kirche ist nun, dass diese Glaubensfragen nicht dem Belieben der Gläubigen anheimgestellt sind. Das Glaubensgebäude der katholischen Kirche ist dogmatisch fixiert, gilt als göttlich geoffenbart und ist demzufolge unwandelbar. Wenn nun der Papst aus pastoralen Gründen einige „stossende“, in der öffentlichen Meinung nur schwer nachvollziehbare Dogmen aufweichen möchte, wird er von konservativen Kreisen umgehend der Häresie beschuldigt und er riskiert eine Kirchenspaltung. Im konkreten Fall geht es um die Seelsorge für Geschiedene und Wiederverheiratete, wo der Papst eine Lockerung herbeiführen möchte, in einer Frage, in welcher alle christlichen Kirchen, auch die orthodoxe, seit jeher humanere Lösungen kennen.

Dass der Papst die Briefe von Doris Wagner nicht beantwortet hat und von einem subalternen Mitarbeiter der Kurie beantworten liess, ist unverständlich, wobei zu fragen wäre, ob der Papst die Briefe überhaupt zu Gesicht bekommen hat. In einem Grosskonzern öffnet der oberste Patron seine eingehende Post normalerweise nicht selbst und der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen…..

Dass es dem Papst ernst ist mit der Bekämpfung sexueller Vergehen beweist die Tatsache, dass er im Jahre 2017 zum Buch des schweizerischen Missbrauchsopfers Daniel Pittet „Pater, ich verzeihe ihnen“ das Vorwort geschrieben hat.

26.11.2018

Missbrauch im Kontext der Oekumene

Die ganze Problematik der sexuellen Ausbeutung im Rahmen der katholischen Kirche ist nicht nur ein internes katholisches Problem, sondern strahlt je länger desto mehr auch auf die reformierte und die christkatholische Kirche aus.

Heute sind viele in der Gesellschaft nicht mehr in der Lage, zwischen den verschiedenen Konfessionen zu unterscheiden und alle werden in den gleichen Topf geworfen. Das ist ärgerlich und ruft nach Klärung und Abgrenzung. Als der Ökumene Verpflichtete läuft uns das jedoch grundsätzlich zuwider. Wir möchten nicht in reformatorische Zustände zurück. Dies bedingt jedoch, dass sich die katholische Basis vehementer zu Wort meldet und gegen die vorhandenen Zustände aktiv ankämpft, ganz nach den Worten des Papstes in seinem Schreiben vom 20. August 2018: Es ist unmöglich, sich eine Umkehr des kirchlichen Handelns vorzustellen, ohne die aktive Teilnahme aller Glieder des Volkes Gottes.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Kirchenverantwortlichen die Anliegen der Basis hören und ernst nehmen. Ein wichtiger Grund für die ganze Misere ist erwiesenermassen das unsägliche Pflichtzölibat mit der Vorgabe sexueller Enthaltsamkeit, die von normal veranlagten Männern nicht eingehalten werden kann. Es rächt sich nun, dass im Konzil der Gegenreformation, dem Konzil von Trient (1545 und 1563) alle berechtigten Anliegen der Reformation, wie u. a. die Abschaffung des Pflichtzölibats, in Globo abgeschmettert wurden (ausgerechnet in einem Jahrhundert, in welchen der Zölibat am meisten missachtet wurde, auch von Päpsten – Alexander VI u. a) und dass noch im 2. Vatikanischen Konzil jede Diskussion über den Zölibat auf Veranlassung von Papst Paul VI. verhindert wurde.

Noch einmal, all die schönen Worte des Papstes in seinem neuesten Schreiben und seine Verurteilung des Klerikalismus nützen nichts, wenn nicht endlich Taten folgen und vor allem, wenn nicht auch durch das Kirchenvolk Druck für Änderungen auf die Kirchenverantwortlichen ausgeübt wird.

 

Arnold Eichmann (kath.), Walter Gygax. Kirchenratspräsident der ref. Kirchen Münchenbucbhsee-Moosseedorf, Münchenbuchsee

26.9.2018

Frau und Amt

Erneut hat das kirchliche Lehramt die Möglichkeit eines Frauenpriestertums verneint. Das 2000 Jahre alte Trauerspiel um das Thema Frau und Amt in der katholischen Kirche geht weiter. Dabei ist die lehramtliche Begründung ein Konstrukt, man kann es nicht anders nennen, das weder durch die Bibel noch durch die frühchristliche Tradition begründet werden kann.

Aus neutestamentlicher Sicht sind sich heute alle fortschrittlichen Exegeten einig, dass Jesus weder eine Kirche gegründet, noch Priester und Bischöfe ernannt hat. Er hat Jünger um sich geschart, unter denen sich etliche Frauen befunden haben, darunter die hervorragendste, Maria aus Magdala, unsere Maria Magdalena, welche kürzlich sogar vom Papst zur Apostolin erhoben wurde. Auch Paulus spricht in seinen Briefen von Apostolinnen. Und was geschah mit den Aposteln? Nach lehramtlicher Lesart begründeten sie die apostolische Sukzession, anders gesagt, sie waren die ersten Bischöfe, wie Petrus der erste Papst war. Und die Apostolinnen? Sie wurden ganz einfach vergessen oder, wahrscheinlicher, sie wurden totgeschwiegen. Was nicht sein durfte, konnte nicht sein.

Das Drama Frau und Amt nahm ihren Anfang. Konsequenterweise müssten nämlich die Apostolinnen die ersten Bischöfinnen sein, und von da zum Frauenpriestertum wäre ein kleiner Schritt. Aus den Evangelien geht weiter hervor, dass die Zusammenkünfte der Gläubigen zum Brotbrechen nach dem Tod Jesu in Privathäusern stattfanden und hauptsächlich von Frauen geleitet wurden, auch in paulinischen Gemeinden. Frauen nahmen also – nach heutiger Sprachregelung – priesterliche Funktionen wahr. Verhängnisvoll für das weitere Schicksal der Frauen im Christentum waren einige Sätze aus den Paulusbriefen: 1 Tim 2,12: "Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, (...) sondern sie sei still." 1 Kor 14,33-34: "Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in der Gemeindeversammlung; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt." (Weitere frauen-feindliche Stellen in Paulusbirefen: 1. Kor 11,9; 1. Kor 14,35; 1. Kor 11,3; 1. Tim 2,11-12; 1. Kor. 11,8; 1. Tim 2,14.)
Verhängnisvoll ausgewirkt hat sich auch die Fehlinterpretation der Sündenfallgeschichte im Alten Testament selbst, - bei Jesus Sirach, 25,24: «Von einer Frau nahm die Sünde ihren Anfang, ihretwegen müssen wir alle sterben.» Jesus Sirach ist zwar ein Buch, welches nur in der griechischen Übersetzung (Septuaginta) enthalten ist, nicht in der jüdischen hebräischen Bibel. Diese Bibelsätze verstärkten natürlich die patriarchale Weltsicht der Griechen und Römer und fanden so Eingang in die christliche, hellenistisch gefärbte Theologie. Diese Theologie wurde dann im Verlaufe des Mittelalters zu einer auf philosophischer Begrifflichkeit aufgebauten Wissenschaft, in welcher auch die fortschrittliche Rolle der Frau im Neuen Testament und im Urchristentum zurückbuchstabiert wurde.
Aber es gibt noch ein gewichtiges Argument für die Zulassung von Frauen zum Priestertum, im ersten Schöpfungsbericht, Gen, 1-2,4a, in welchem Mann und Frau gemeinsam erschaffen werden («als Mann und Frau erschuf er sie» Gen 1,27) und nur gemeinsam bilden sie das Abbild Gottes. Biblisch gesehen besteht also kein Unterschied zwischen Mann und Frau, beide sind einander gleichgestellt.


Die Schlussfolgerung aus diesem biblischen Bild für das uns hier beschäftigende Problem kann doch nur sein, dass beiden, Mann und Frau, das Priestertum offenstehen muss.

19.6.2018

 
„Die Kurie ist doch kein Mafia-Clan“

Kardinal Gerhard Ludwig Müller ist ein theologischer Hardliner. Mit seinem Festhal-ten an der „reinen“ Lehre erreicht er aber gerade das Gegenteil von dem, was er wahrscheinlich anstrebt: er leert die Kirchen, er treibt die Gläubigen aus der Kirche heraus, weil das Dogma, die in philosophischer Begrifflichkeit formulierte christliche Lehre dem einfachen Gläubigen nicht mehr vermittelt werden kann. Die katholische Kirche und ihr Glaubenshüter, Kardinal Müller, führt die christliche Lehre, das Dogma, auf Jesus Christus zurück und deshalb gilt sie als geoffenbarte, unumstössliche Wahrheit. Tatsache ist, dass sich diese Lehre erst nach Jesu Tod im hellenistischen, von griechischer Philosophie geprägten Kulturraum entwickelt hatte. Jesus von Nazareth aber war Jude, starb als Jude und es ist ein Ding vollkommener Unmöglichkeit, dass im Judentum einem Juden göttliche Qualität zugesprochen werden kann, wie es im hellenistischen Kulturraum (praktisch identisch mit dem römische Reich) gang und gäbe war. So ist auch das „letzte Abendmahl“ ein Gedenkmahl und keine Mysterienmahl, in welchem Brot und Wein realiter in Fleisch und Blut Christi umgewandelt wird. Und so begehen alle christlichen Kirchen das Gedenkmahl auf ihre, geschichtlich gewachsene, Weise und alle getauften Christen sind „teilnahmeberechtigt“.

Und was den moralischen Rigorismus der katholischen Kirche anbelangt, kann er sich auf keinen Fall auf Jesus von Nazareth berufen, welcher die Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrte unter Geltendmachung, dass alle Sünder sind. So kennen alle christlichen Kirchen ausser die katholische die Scheidungsmöglichkeit, weil das von Jesus ausgesprochene Scheidungsverbot in die damaligen jüdischen Verhältnisse hinein ausgesprochen worden war. Und so ist das Verbot der katholischen Kirche, konfessionsverschiedene Ehepaare zur Kommunion (Abendmahl) zuzulassen, ein Affront, nicht zu rechtfertigen und un-jesuanisch.

Und der von Kardinal Müller wieder hochgelobte priesterliche Zölibat ist, man kann es nicht anders ausdrücken, ein Verbrechen gegen die menschliche Natur, weil es von Natur her nicht eingehalten werden kann, mehrheitlich nie eingehalten worden war und auch heute nicht eingehalten wird, ganz zu schweigen von den endlich weltweit zu Tage getretenen Missbrauchsskandalen. Es wurde im Jahre 1070 auch nicht aus theologischen Gründen eingeführt.

Publiziert im „Der Bund“ vom 1.6.2018

 

> Originalartikel von Michael Meier, Einsiedeln vom 29.5.2018 lesen

 
Mensch, Krone der Schöpfung.

Die Bezeichnung Mensch als Krone der Schöpfung steht so nicht in der Bibel. Es ist ein Ausdruck der menschlichen Hybris. Der erste Schöpfungsbericht, Gen 1,1-2,2a, wurde, wie viele andere alttestamentliche Texte auch, radikal missverstanden. Das beginnt schon beim Gottesbild. Christen haben die Tendenz, mit dem christlich definierten Gott an alttestamentliche Texte heranzugehen. Aber das geht nicht.

Der alttestamentliche Gott ist eine Erfahrungsgrösse, keine Denkgrösse wie im Christentum. Er wird erfahren in seinen Werken und seinem Wort. Im Fall von Gen 1 wird er als Schöpfer wahrgenommen. Wenn nun der Mensch Ebenbild dieses Schöpfergottes ist, dann ist der Mensch nicht ein kleiner Halbgott wie beim Ebenbild des christlichen Gottes, sondern auch ein Schöpfer. D. h. der Schöpfer-Mensch muss das Schöpfungswerk Gottes weiterführen und zwar so, wie wenn Gott dies tun würde, so, dass Gott auch nach jedem Tag Menschenwerk sagen kann, und er sah dass es gut ist. Gutheit der Schöpfung. Was der biblische Schriftsteller damit meinte, ist schwer auszumachen.

Von unserem heutigen Wissenstand her würde ich Gutheit der Schöpfung mit ökologischem Gleichgewicht gleichsetzen. Diese Gutheit der Schöpfung, die Wahrung des ökologischen Gleichgewichts, ist denn auch das zentrale Kriterium menschlichen Handelns aus biblischer Sicht. So ist denn auch das Untertan-machen kein Freipass für bedenkenlose Ausbeutung des Planeten Erde.

25.4.2018

 
Hiobs Schweigen

Eine Entgegnung auf die Thesen von Professor Slavoj Žižek in der NZZ vom 3. Januar 2018
Professor Slavoj Žižek möchte die Versuchungsbitte im Vater Unser unverändert beibehalten, entgegen gewissen Strömungen, welche diesen Passus in dem Sinne abändern möchten, dass Gott nicht mehr als Versucher auftritt. Dabei verweist er auf einige Stellen vor allem im Alten Testament, in welchen Gott als Versucher agiert, insbesondere in der Paradiesesgeschichte und im Hiobbuch. Doch dies ist m. E. höchst problematisch. Erstens geht Zizek vermutlich vom christlich definierten Gott aus und ausserdem scheint Zizek die biblischen Texte als Tatsachenberichte, also wörtlich, zu verstehen. Damit kommt man zwangsläufig zu völlig falschen Schlussfolgerungen, wie aus dem Artikel von Žižek hervorgeht.

 

Zunächst einmal geht es um das Gottebild. Es scheint, dass Professor Žižek mit dem christlich definierten Gott operiert. Doch dieser hat nichts gemein mit dem alttestamentlichen Gott. Der Gott des Alten Testamentes ist eine Erfahrungsgrösse, keine Denkgrösse wie im Christentum. Es gibt im ganzen Alten Testament keine Definition von Gott. Und der alttestamentliche Gott kann durchaus auch menschliche Züge tragen, ähnlich den anderen vorderasiatischen Gottheiten. Aber in diesem Gott Ohnmachtszustände zu erkennen, geht m. E. doch zu weit.

Was die biblischen Texte anbelangt, so handelt es sich vielfach um Mythen (so Gen 1 – 9), Legenden oder Lehr-Texte, Texte mit einer bestimmten Aussageabsicht. Mythen z. B. sind Geschichten, mit welchen die damaligen, noch nicht rational denkenden Menschen die Wirklichkeit erklärten. So im von Slavoj Žižek angesprochenen Adammythos. Wenn der heutige Mensch mit seiner Rationalität fragt, wer und was ist der Mensch, antwortet er mit einer Definition: Z. B. der Mensch ist ein vernunftbegabtes Lebewesen. Das Gleiche wird im Adammythos bildhaft ausgesagt: der Urmensch (Adam bedeutet Mensch als Gattungswesen, ohne Geschlecht) wird vollkommen und unsterblich erschaffen, wird in einen schönen Garten gesetzt, erhält ein Gebot oder Verbot, übertritt dieses (notwendigerweise, damit die Geschichte aufgeht) und findet sich in der konkreten Wirklichkeit wieder; das heisst, der Mensch ist, unserer rationalen Definition entsprechend, ein vernunftbegabtes Wesen (Gut und Böse unterscheiden können), aber fehlerhaft und nunmehr sterblich. Das Früchteverbot ist eine Metapher in der mythischen Geschichte, um die Versuchlichkeit des Menschen (Heidegger) und seine kreatürliche Begrenztheit zu erklären. Aber eine bewusste Versuchung Gottes kann ich darin nicht erkennen. – Mythen müssen als Ganzes genommen werden. Man kann nicht in rationaler Manier einzelne Elemente herausbrechen um zum Gegenstand von Interpretationen zu machen, wie Herr Žižek es mit dem Baum der Erkenntnis tut. Mythen waren Allgemeingut der damaligen Menschheit, bis im 6. Jh. V. Chr. der griechische Philosoph Xenophanes die Mythen als Lügengebilde abtat, als unwahre Geschichten und damit das Zeitalter der Rationalität einläutete. Fatal dabei war, dass man fortan den symbolischen Gehalt de Mythen nicht mehr verstand und sie als Tatsachenberichte nahm, mit verheerenden Folgen.

 

Oder nehmen wir noch den Fall Hiob. Hiob, der unschuldig leidende, gepeinigt vom Satan (nicht unser Teufel, Israel kannte keine Hölle, der Satan war im Alten Testament einfach der Menschen quälende Bösewicht). Das Buch Hiob ist ein Lehr-Text, mit welchem die vorherrschende Vorstellung des sogenannten „Tun-Ergehens-Zusammenhanges“ widerlegt werden soll, die Vorstellung, dass jedem Leiden ein fehlerhaftes Tun vorangegangen sein muss. In der langatmigen Auseinandersetzung mit drei „Freunden“ wiederholt Hiob immer wieder seine Unschuld, während die „Freunde“ ihm dauernd die These um die Ohren schlagen, dass Leiden notwendigerweise auf vergangenes schuldhaftes Verhalten zurückzuführen sei. Und wie wir aus dem Hiobtext selber, aber auch im Artikel von Slavoj Žižek, erfahren, gibt Gott in den berühmten Gottesreden am Ende des Hiobbuches Hiob recht, Gott selbst widerlegt die Vorstellung eines Tun-Ergehens-Zusammen­hanges gegenüber der Insistenz der die „Freunde“. Hiob schweigt, - zu Recht, was soll er denn noch sagen. Danke? – Es ist eine der ganz grossen Leistungen des Hiobbuches, den fast schicksalhaften Zusammenhang zwischen schuldhaftem Verhalten und darauf folgendem Leiden durchbrochen zu haben. Im neutestamentlichen Beispiel des Blindgeborenen räumt auch Jesus gründlich mit der Vorstellung des Tun-Ergehens- Zusammenhanges auf (Joh 9,1-41).

7.1.2018

 
Ich bin erstaunt, wie wenig Medienecho die Verlängerung der Amtszeit von Bischof Huonder durch Papst Franziskus gefunden hat.

Ich bin ein grosser Bewunderer von Papst Franziskus. Ich habe seine „Regierungserklärung“ „Evanglii Gaudium“ gelesen und war tief beeindruckt davon, was er alles zu reformieren vorhatte. Nun, der Verlauf seines Pontifikates ist bekannt. Er stiess sofort auf heftigen Widerstand („Franziskus unter den Wölfen“).

Die weltweite Hierarchie, noch von den zwei letzten konservativen Päpsten eingesetzt, ist konservativ, und Franziskus musste in seinem Reformbestreben mehrere Gänge zurückschalten. Nun hat aber meine Begeisterung doch einige Risse bekommen. U. a. wegen der Amtsverlängerung von Bischof Huonder. Ich verstehe nicht, warum der Papst dermassen auf einer Regelung des kanonischen Rechts (CIC) herumreitet, welche Laientheologen verbietet, während der Messe zu predigen. Was ist denn besser, eine gute Predigt eines Laientheologen oder eine schlechte Predigt eines geweihten Priesters?

Bischof Huonder, im Gegensatz zu einigen anderen Schweizer Bischöfen, hält sich an diese Regel und findet die Anerkennung des Papstes, während er das Verhalten der mit dem CIC nicht konformen Bischöfe tadelt. Dass Bischof Huonder das exakte Gegenbild des Papstes verkörpert, scheint der Papst nicht zu wissen. Wer informiert eigentlich den Papst? Der Nuntius, - und nur er allein? Und wer kontrolliert den Nuntius? Meines Wissens musste Nuntius Gullickson bereits an einem früheren Posten die Koffer packen, weil er persona non grata geworden war. Weiss denn der Papst nichts von den albernen Äusserungen dieses Nuntius, kaum dass er in der Schweiz angekommen war. So z. B., dass die Piusbrüder die besten Christen seien! Tönt ge-radezu häretisch. Dass der Nuntius Bischof Huonder als den besten Bischof der Schweiz betrachtet, erstaunt mittlerweile nicht mehr. Schlimm ist nur, dass der Papst diesem Nuntius soviel Gehör schenkt.

1.8.2017

 
POLITIK
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Das Volk, das Volk!

Das Wort hängt mir langsam zum Hals heraus. Wer ist das Volk? Ich gehöre auch zum Volk, aber nicht im Sinne derer, welche das Wort dauernd im Munde führen. Ist denn eine Stimmenmehrheit von 53 % das Volk, 3 % mehr als die Hälfte der Stimmenden? Bei einer Stimmbeteiligung von, sagen wir, 40 % (2'176'256), haben gerade 21 % aller Stimmberechtigten (5'406'424) zugestimmt. Wo ist denn da das Volk? Ich finde, dass bei Abstimmungen mit Ständemehr ein qualifiziertes Mehr der Stimmenden erforderlich sein sollte, z. B. 60 %. Dann wäre die leidige Diskussion um Zufallsmehr vom Tisch.

9.1.2019 / nicht veröffentlicht

 
100'000 Syrien Flüchtlinge

Ich bin kein Freund von Adrian Amstutz und teile seine politische Gesinnung nicht. Doch kürzlich musste ich ihm recht geben, bei der Debatte um die Aufnahme syrischer Flüchtlinge in die Schweiz.

Eine Bürgeraktion mit dem Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli als Sprachrohr möchte 100'000 syrischen Flüchtlingen in der Schweiz Asyl gewähren. Nach Besichtigung von Flüchtlingslagern im vorderen Orient (bravo!) kommt Adrian Amstutz zum Schluss, dass das Flüchtlingselend so immens ist, dass auch 100'000 aufgenommene Flüchtlinge einen Tropfen auf einen heissen Stein darstellen würde und dass effiziente Hilfe nur vor Ort geleistet werden kann. Herr Amstutz denkt an die DEZA mit ihren Erfahrungen und technischen Möglichkeiten.
Ich bin mit Herrn Amstutz voll einverstanden, dass die Hilfe vor Ort geleistet werden muss. Aber auch die Mittel der DEZA sind beschränkt (s.e.o. 3 Mio pro Jahr). Herr Amstutz hat eine Krämerseele, es darf halt auch die Schweiz nicht zu viel kosten. Die Schweiz ist ein im internationalen Vergleich enorm reiches Land.
Helfen Sie einmal mit, Herr Amstutz, die dank des Bankgeheimnisses vor dem Fiskus versteckten Milliardenvermögen freizulegen und zu besteuern und Millionen ständen zur Verfügung. Ich denke an die Errichtung von Barackensiedlungen in der Wüste, nicht im Libanon, welches bereits überflutet und räumlich begrenzt ist wie die Schweiz, sondern z. B. in Jordanien, welches zu etwa 2/3 aus Wüste besteht. Hier könnte eine Barackensiedlung für zunächst einmal 100'000 Flüchtlinge errichtet werden mit Solarstrom und Wasser aus dem Boden. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten absolut machbar. Wenn diese Siedlung einmal stehen würde und der Beweis der Machbarkeit erbracht wäre, könnte man mit einem internationalen Konsortium die Finanzmittel erhöhen und die Siedlung ausweiten. Damit, und nur auf diese Weise, könnte das Asylproblem entschärft werden. 

22.1.2015

GESELLSCHAFT
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Der Rückfall in die Barbarei

Die Gewaltdelikte mit schweren körperlichen Folgen für die Opfer häufen sich, und männiglich fragt sich, wo denn die tieferen Ursachen dieser Exzesse liegen könnten.
In diesem Zusammenhang möchte ich an ein Fernsehgespräch in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erinnern, an welchem der – kürzlich verstorbene – österreichisch-französische Philosoph und Sartreschüler André Gorz und, unter anderen, Yvette Jaggi teilnahmen zum Thema eines garantierten Grundeinkommens für alle. Als Gorz am Schluss gefragt wurde, was ihm für die Zukunft am meisten Sorge bereite, antwortete er: „Der Rückfall in die Barbarei“. Wie recht er hatte!

5.2. 2008

 
 
ÖKOLOGIE - KLIMA
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Wir haben auf Pump gelebt

Erdöl als freies Gut zu betrachten, war ein monumentaler Irrtum.

Der Erdölpreis steigt und steigt und die ganze Welt reibt sich die Augen, ist verunsichert und vor allem ratlos. Die Regierungen werden bemüht, internationale Konferenzen werden abgehalten, ohne konkrete Ergebnisse. Betroffene gehen auf die Strasse und proben den Aufstand. Warum die Aufregung? Was für ein kurzsichtigesWesen ist doch der Mensch, der sich mit seiner kleinen Vernunft, auf die er sich soviel einbildet, als die Krone der Schöpfung betrachtet. Seit 30 Jahren hätte man wissen können, dass es soweit kommen wird. Vor 30 Jahren hatte der Club of Rom in seinem Buch „Die Grenzen des Wachstums“ zum ersten Mal wissenschaftlich nachgewiesen, dass das gegenwärtige Szenario eintreten wird, wenn nicht grundlegende Systemänderungen vorgenommen werden. Das Buch, noch während der nachkriegszeitlichen Hochkonjunktur veröffentlicht, schlug zunächst wie eine Bombe ein und führte zu einer breiten Bewusstseinsbildung mit, im Gefolge, der Entstehung verschiedenster grüner Bewegungen und Parteien. Modelle, auch auf wissenschaftlicher Basis, wurden entwickelt, wie die Weltwirtschaft umgepolt werden könnte.

Sie sind immer noch vorhanden, verstaubt in den Schubladen. Denn als nach einigen hartnäckigen wirtschaftlichen Rückschlagen (Rezessionen) das ökologische Interesse in den Hintergrund trat und die vom Club of Rom prognostizierten Folgen nicht „fristgerecht“ eintrafen, geriet das genannte Buch in Misskredit und wurde als Makulatur zur Seite gelegt, völlig zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt. Der monumentale Irrtum, dem die kurzsichtige und mit Blindheit geschlagene Menschheit verfallen war, bestand darin, das Erdöl als freies Gut zu betrachten wie die Luft, welcher kein ökonomischer Wert eignet. Man betrachtete es als unversiegbare Energiequelle, dessen Preis lediglich die Förder-, Transport- und Veredelungskosten plus Steuern und Gebühren widerspiegelt. Mit der forcierten Ölförderung während der Hochkonjunktur in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Erdöl zudem fatalerweise immer billiger, was zu unserem in der ganzen Menschheitsgeschichte (rund 1 Mio Jahre!!) beispiellosen Wohlstand führte. Dass wir auf Pump gelebt haben, war niemandem bewusst.

Jetzt wird die Menschheit von der Realität brutal eingeholt. Die jeder ökonomischen Vernunft widersprechende Verbilligung des Mineralöls führte dazu, dass die moderne Wirtschaft und Produktion zu weit mehr als der Hälfte in irgendeiner Weise mit Erdöl zusammenhängt und die ganze wirtschaftliche Infrastruktur (Transportwesen) auf Billigenergie ausgerichtet ist. Und jetzt zeichnet sich ab, dass an Stelle von Erdöl kein auch nur annährend so billiger und vielseitig verwendbarer Ersatz vorhanden ist. Alle nur zweit- und drittrangigen Alternativen benötigen zu deren Gewinnung oder Herstellung zudem selbst einen hohen – und kostspieligen – Energieeinsatz. Die Zeit der Billigenergie wird vorbei sein, und damit auch die Zeit der billigen Produktion und der unbeschränkten Mobilität. Wir müssen uns wohl oder übel mit der Tatsache abfinden, dass die Energiepreise steigen werden und der zu verteilende Kuchen dadurch kleiner wird. Die Menschheit hätte es, hätte sie den Prognosen des Club of Rom Glauben geschenkt, in der Hand gehabt, die damit zu vollziehenden Umstellungen kontinuierlich – und friedlich – zu vollziehen, was für die Wohlhabenden (1/4 der Menschheit!!) unweigerlich mit einigen Einschränkungen verbunden wäre (alles andere ist reine Augenwischerei).

Die Chance wurde verpasst, und wie die nicht abzuwendende Umstellung vor

sich gehen wird, ist völlig offen. Die gegenwärtigen Streiks und Hungeraufstände geben einen Vorgeschmack dessen, was sich in grösserem Massstab abspielen könnte. Was sich jetzt aber imperativ aufdrängt, ist die konsequente Förderung von Alternativenergien.

Diese sind erfahrungsgemäss arbeitsintensiv, womit das Problem der Arbeitslosigkeit entschärft würde. Die höheren Energiekosten würden das ihrige dazu beitragen, menschliche Arbeit wieder konkurrenzfähig zu machen, da diese bis anhin wegen der zu billigen Energie immer radikaler wegrationalisiert wurde.

Und last but not least: Die Wirtschaft würde

infolge der höheren Produktionskosten höchst wahrscheinlich eine gemächlichere Gangart einschlagen, was dem heute krankmachenden stressigen Lebensrhythmus entgegenwirken würde, hin zu – hoffentlich – mehr Lebensqualität.

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veröffentlicht im "der Bund" vom 24.6.2008

WIRTSCHAFT
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Leserbrief zur TV Sendung +3 Grad vom November 2017

Vor der Sendung vom 29. November 2017 mit dem Titel +3 des Schweizer Fernsehens wurde eine Publikumsumfrage durchgeführt, um zu erfahren, auf was die Bevölkerung zu Gunsten des Klimas zu verzichten bereit wäre, u a. weniger Auto fahren, weniger fliegen, usw. Also Konsumverzicht. Dies wäre eigentlich wünschenswert, kollidiert aber mit der konkreten wirtschaftlichen Realität.

In der weltweit vorherrschenden Wachstums- und Wettbewerbswirtschaft führt Konsumverzicht zu Umsatzverlust, dies wiederum zu Restrukturierungen, zu Reduzierung von Arbeitsplätzen, im Extremfall zu Schliessung von Berieben. Kurz gesagt führt Umsatzverlust zu Arbeitslosigkeit, das Schreckgespenst, welches bei allen Abstimmungen über Wirtschafts- und/oder Sozialreformen im Abstimmungskampf als Gegenargument höchst wirksam in die Debatte geworfen wird. Das heutige Wirtschaftssystem hat keine Strategie für Nullwachstum. Solange dieses Wachstums- und Wettbewerbswirtschaftssystem anhält, ist meines Erachtens die Erreichung der ehrgeizigen Klimaziele sehr in Frage gestellt, umso mehr, als alle Erdenbewohner vorläufig nur eines anstreben, den energiehungrigen Lebensstil der Bewohner der westlichen Industrieländer zu erreichen.

29.11.17

 
 
JUGEND
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Meine Wahrnehmung der heutigen Jugend
  • Vandalen aus Langeweile (NZZ);

  • aus Blödsinn und Langeweile haben sechs Burschen Velos, Motorräder und Autos angezündet (NZZ);

  • 8- und 9-jährige Vandalen: Bub und Mädchen wüten in Bäckerei in Winterthur;(NZZ)

  • Jugendliche schlagen 47-jährigen spitalreif (NZZ)

  • Zweitklässler zeigt seinen Mitschülern Softporno-Filme (Tages-Anzeiger);

  • 5 Mädchen schlagen Mitschülerin spitalreif (Blick)

  • Verzicht, Härte, Frieren, Hunger, Kameradschaft seien Fremdwörter für die meisten jungen Männer in der RS (RS-Instruktor)

  • Gymnasien hält der RS-Chefarzt für Brutstätten der (physischen) Untauglichkeit.

  • und und und …

Pressemeldungen gleichen Inhalts fast jeden Tag.
Wenn ich in der Öffentlichkeit um mich blicke, beobachte ich Jugendliche, mehrheitlich Burschen, aber auch immer mehr Mädchen, 15-Jährige oder sogar Jüngere, schlapsig angezogen, bleichgesichtig, rudelweise gelangweilt „herumlungern“, wenn möglich rauchend und kiffend, mit Kartons von Bier bewaffnet, Handy gezückt, die neuesten Bilder oder Filme angeregt beurteilend, Lautsprecherstöpsel in den Ohren.
Spuren jugendlicher Freizeittätigkeit sind verkratzte Eisenbahnscheiben, verschmierte Wände und liegen gelassener Unrat. Eine Minderheit, wie immer wieder beteuert wird? Mir fehlt der Glaube.

Was treibt solche Jugendliche im Leben an, was ist der Sinn solchen Lebens, um ein gewichtiges Wort zu verwenden? Wenn ich in meine eigene Jugendzeit zurückblicke (1930 – 1945), dann erinnere ich mich, dass die Jugendlichen zu Hause und in der Freizeit in einer gesellschaftlich vorgegebenen Struktur lebten.

Die Tageszeiten waren geregelt. Mit dem sogenannten Bet-Läuten (letztes Glockengeläute, welches den Abend oder die Nacht einläutet) war man zu Hause. Die Freizeit verbrachten 90 % oder mehr aller Burschen und Mädchen in irgend einem Verein: Pfadi, Jungwacht, Jungmannschaft, Zwinglibund, CVJM, usw. – also auch wieder in einer Struktur. Die Zukunftsperspektive war für jedermann klar: einen Beruf erlernen, den man bis zum Ende des aktiven Lebens wenn möglich beim gleichen Arbeitgeber ausübt.

Und heute?

Wenn ich mir die eingangs beschriebenen Bilder vor Augen halte, muss ich schliessen, dass der Sinn des Lebens darin besteht, die Zeit totzuschlagen mit Reizerlebnissen aller Art (neueste Musikhits, möglichst laut, möglichst heavy, Sex- und Pornobilder übers Handy oder das Internet konsumieren, Grenzerlebnisse mit Alkohol, Tanz und immer mehr Gewaltausübung, untereinander oder an völlig fremden, Unbeteiligten). Da Reize ihre Wirkung schnell verlieren, müssen sie immer gesteigert werden, – bis zu Gewalt mit tödlichem Ausgang. Und wer ist daran schuld? Die Eltern? Die Schule?

Müssige Frage. Ich blende wieder zurück in meine Jugendzeit (die beileibe keine

heile Welt war), dann muss ich wieder auf den allgemein gesellschaftlichen Konsens hinsichtlich von Anstand und Moral hinweisen. Wenn ein Jugendlicher in der

Öffentlichkeit von einem Erwachsenen zurecht gewiesen wurde, wurde dieser Er-

wachsene von allen anderen zufällig auch anwesenden Erwachsenen unterstützt.

Heute ist es gerade umgekehrt. Der alleingelassene mutige Winkelried riskiert eine

Schlägerei, in welcher er nur als Verlierer herausgehen kann. Jugendgewalt ist heute  ein eminent gesellschaftliches Problem, nicht nur ein Problem der Eltern oder der

Schule.

Zu behaupten, das sei die Konsequenz der zur Macht gelangten (linken) Alt-68er – wie in einem Leserbrief vom Bund 26.2.08 behauptet – ist Unsinn. Richtig ist, dass die 68er Bewegung eine Entwicklung zu totaler Freiheit in Gang gesetzt hat, welche allmählich die ganze Gesellschaft erfasst und schliesslich zum heutigen Zustand geführt hat; Freiheit – vor allem der Wirtschaft, aber auch des Individuums.

Die ungewollten Folgen davon stehen uns tagtäglich vor Augen, siehe obenstehende Pressemeldungen. Mit dem Postulat der totalen Freiheit zusammenhängend ist

die Vorstellung, dass die Wirtschaft wertfrei ist, aber auch frei von Moral. Konse-

quenz: von wenigen Ausnahmen abgesehen kann und darf fast alles beworben

werden kann, was Umsatz verspricht, wobei die Jugend heute ein bevorzugtes

Zielpublikum ist. Die Strasse oder die Gruppe hat sozusagen das Erziehungsmonopol inne und nicht mehr die Eltern. Wenn dieser Trend nicht gestoppt werden kann,

wenn Porno, Gewaltdarstellungen, Drogen, Alkohol, Tabak nicht von der Jugend ferngehalten werden kann, sind alle Aufrufe zu mehr Disziplin und Androhungen

von Nulltoleranz wirkungslos. Auch der Ruf nach mehr Polizei ist chancenlos, wenn

die Gesellschaft nicht dahintersteht.

Um diesen Trend zu brechen, um eine Wende herbeiführen zu können ist unabdingbare Voraussetzung, dass sich die ganze Gesellschaft auf einen Minimalkonsens von Anstand und Moral einigt und auch bereit ist, diesen durchzusetzen, vielleicht zu Beginn mit grossem persönlichem Einsatz (Stichwort Bürgerwehren). Erst dann wird die Jugend nach und nach wieder begreifen, welches ihr Platz in der Gesellschaft ist, was Sitte und Anstand ist.

12.4.2008

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